In der jüngsten Vergangenheit häufen sich die Berichterstattungen seitens des Extra Tip, die vor insbesondere den finanziellen Folgen des Ausbaus warnen. Warum aber werden die finanziellen Folgen eines Nichtausbaus gar nicht erwähnt? Dazu ein offener Brief an den Extra Tip:
Der geplante Ausbau von Kassel-Calden wird seit Beginn der Diskussion sehr kontrovers geführt. Ein Spiegelbild dieser Diskussionen ist natürlich auch die Berichterstattung des Extra Tip. Rainer Hahne gelang es 1995 mit der Organisation des ersten Charterfluges mit einer BAe 146-200 der Conti Flug, den Flughafen überhaupt wieder in den öffentlichen Focus zu bringen. Was man vor 10 Jahren kaum zu glauben wagte, wird inzwischen immer konkreter: Alle Anzeichen weisen darauf hin, dass ab 2009 ein ausgebauter Flughafen Calden endlich die technischen Standards anderer Regionalflughäfen vorweisen wird.
Aus dem damaligen Mitinitiator Extra Tip ist jedoch heute mehr eine warnende Stimme geworden, die insbesondere vor den finanziellen Folgen des Ausbaus warnt. Offensichtlich hat sich in der Redaktion des Extra Tip eine kritische Haltung gegenüber den Ausbauplänen durchgesetzt. Wir als Pro-Initiative bedauern diese Haltung, respektieren sie aber selbstverständlich.
Wenn jedoch der Ausbau nicht kommen sollte muß es trotzdem ein Zukunftskonzept für Calden geben. Von Seiten der Kritiker wird zwar ausgeführt, warum auf ein Ausbau zu verzichten sei, nicht aber, wie es ohne Ausbau weitergehen soll. Würde man in Calden alle Planungen einstellen, wären auch gleichzeitig alle Bürgerinitiativen schnell verschwunden, die jetzt vor dem Ausbau warnen. Es bliebe aber ein Flughafen, der in der jetzigen Form ganz sicher nicht weiter bestehen kann. Generell sprechen sich die BI´s nicht gegen den jetzigen Flughafen aus, mitunter wird sogar die Verlängerung der bestehenden S/L-Bahn auf 1.900 Meter empfohlen. Man findet jedoch keine Hinweise, welche Effekte mit einer derartigen Maßnahme verbunden sein sollen. Allein Prof. Dr. Bossel hat ein Alternativkonzept vorgelegt, dass von Seiten der Ausbaukritiker immer wieder angeführt wird. Grob umrissen sieht das Konzept wie folgt aus:
- Sanierung der bestehenden Anlage, dabei Verzicht auf ein neues ILS (da lt. Bossel aufgrund von GPS-Verfahren unnötig)
- Personalentlassungen bei der Flughafen GmbH und Beschränkung auf das absolut „Notwendige“
- Linienanbindung von Kassel-Calden an Internationale Drehkreuze, wobei Turboprobs zum Einsatz kommen, die mit der „bisherigen Startbahnlänge auskommen.“
- Übernahme von Ausfallgarantien aus Steuermitteln für neue Linienanbindungen
- Einrichtung eines Flugreisezentrums in Wilhelmshöhe, wobei Passagiere in Wilhelmshöhe bereits für Calden, Paderborn oder Frankfurt einchecken können
- Ausbau von Calden als Standort luftfahrtaffiner Betriebe und Forschungseinrichtungen
Kosten für die Realisierung sowie laufenden Betrieb (Reisezentrum, Koffertransport zum Flughafen etc.) dieser Maßnahmen nennt Bossel, wie auch alle übrigen Ausbaukritiker, nicht. Wendet man die von den Ausbaukritikern aufgeführten Kostenabschätzungen für das Ausbauszenario ebenso für die einzig vorliegende Alternativkonzeption von Prof. Bossel an, so zeigt sich schnell, dass Ausbaugegner - in logischer Schlußfolgerung ihrer eigenen Argumente - auch keine Sanierung befürworten können. Schließlich wird auch für das Bossel-Alternativ-Konzept schnell die 100 Mio. € Grenze überschritten.
Zudem muß man die gesetzten Prämissen für das Bossel-Konzept als unrealistisch bewerten, allein die Tatsache, auf ein ILS verzichten zu wollen und trotz topografischer Hindernisse einen zuverlässigen Linienverkehr realisieren zu können, ist unglaubwürdig. Der Flughafen versucht seit 35Jahren, die Zielsetzungen des Bossel-Konzeptes umzusetzen, im Prinzip kommt jetzt nur die Forderung hinzu, dass Linienanbindungen subventioniert werden sollten.
Was bedeutet aber der Verzicht auf den Ausbau? Eine Sanierung ist allein schon deshalb unrealistisch, da sich für den Sanierungsfall das Land Hessen nicht als Gesellschafter am Flughafen beteiligen würde. Die Kosten müssten demnach von den bisherigen Gesellschaftern getragen werden, was aber die finanziellen Möglichkeiten übersteigt. Ganz abgesehen davon bedeutet eine Sanierung gleichzeitig die Zementierung der jetzigen flugtechnischen Probleme, die schließlich erst zu den Überlegungen führten, die Startbahn zu verlegen.
Aus unserer Sicht ist allein ein Rückbau der Anlage und Umwandlung in einen reinen Werksflughafen mit Verzicht auf ILS und Kontrollzone realistisch. Aber sogar für dieses Szenario wären Investitionen notwendig, denn auch die verbleibende Bahn muß saniert werden sowie Teile der alten Bahn beseitigt werden. Daß dies für Kassel ein verheerendes Signal wäre, wird sicher kaum einer ernsthaft bestreiten können. Nicht auszuschließen ist gar eine komplette Schließung des Platzes.
Wir würden uns wünschen, dass der Extra Tip (wie natürlich auch die HNA) bei der Berichterstattung über den Flughafen auch darüber berichtet, was ein Verzicht auf den Ausbau bedeutet. Bislang wird dieses Thema weitgehend augeblendet.
Wie nahe die Schaffung bzw. der Erhalt von Arbeitsplätzen beisammen liegt, zeigt das Beispiel Paderborn: Siemens-Nixdorf hatte den Verbleib von 5.000 Arbeitsplätzen in Paderborn mit dem Ausbau des dortigen Flughafens eng verknüpft. Ein Rückbau von Calden bedeutet nicht nur den Verlust der Arbeitsplätze bei der Flughafen GmbH, der gesamt Gewerbestandort Kassel-Calden wird in Frage gestellt. Aber auch z.B. Wintershall, als aktiver Nutzer des Platzes und eine der letzten international agierenden Firmen mit Sitz in Kassel, wird eines wichtigen Standortvorteils beraubt mit vielleicht ähnlichen Konsequenzen, wie sie seinerzeit Herr Nixdorf in Paderborn angedeutet hat.